Schulbücher
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Zwischen den 1880er Jahren und dem Ende der Weimarer Republik erzählten die Schulbücher in der Regel die folgende Geschichte: Sie behaupteten, die Aneignung der Kolonien sei notwendig gewesen, damit Deutschland zeigen konnte, dass es ein starkes Land sei. Außerdem hieß es, die Kolonien würden wichtige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe liefern, damit das Deutsche Reich wirtschaftlich erfolgreich sein konnte. Diese Darstellung nahm also nur die Perspektive weißer deutscher Menschen ein. Die koloniale Gewalt und Ausbeutung, die mit der Kolonialherrschaft einherging, wurde entweder gar nicht oder nur in einem Nebensatz erwähnt.
Ab dem frühen 20. Jahrhundert gab es erste Veränderungen: Schulbücher nutzten häufiger Berichte von kolonialen Eroberern. Damit erzählten sie die Kolonialgeschichte als eine vermeintliche Heldengeschichte. Außerdem betonten sie noch stärker als vorher, dass Europa angeblich den anderen Kontinenten überlegen sei und diese daher von Europa lernen müssten. Ein Großteil der Darstellungen in den Schulbüchern bezog sich auf die Rohstoffe, die aus den (ehemaligen) Kolonien kamen. Dabei vermittelten die Schulbücher ein festgelegtes Bild von der internationalen Arbeitsteilung: Sie stellten es so dar, als sei es selbstverständlich, dass die (ehemaligen) Kolonien in einer untergeordneten Position seien. Ihre Rolle sei darauf beschränkt, Rohstoffe zu liefern. Die Weiterverarbeitung dieser Produkte sollte in Europa stattfinden und vor allem den europäischen Staaten zugutekommen.
In der Zeit des Nationalsozialismus blieben viele Erzählungen über den Kolonialismus unverändert. Die koloniale Aneignung wurde weiterhin als eine Heldengeschichte weißer, männlicher Eroberer erzählt. Gleichzeitig gab es ein paar entscheidende Veränderungen. So wurde die koloniale Gewalt nun ganz deutlich erwähnt, aber als eine „heldenhafte Tat“ dargestellt. Die Schüler:innen wurden direkt angesprochen und aufgefordert, sich in die Rolle kolonialer Eroberer hineinzuversetzen. Die Darstellungen und Aufgaben enthielten beispielsweise positive Bezüge auf Karl Peters, der 1897 wegen seiner Gewalttaten in den Kolonien unehrenhaft entlassen worden war. Eine Aufgabe etwa rief die Schüler:innen dazu auf, den Charakter von Karl Peters zu beschreiben und zu erläutern, worin seine „Führernatur“ bestehe. Rassistische Einteilungen, die schon in den Jahrzehnten zuvor vermittelt worden waren, erhielten nun eine noch größere Bedeutung. Die nationalsozialistische Ideologie stellte die gesamte Weltgeschichte als einen Kampf zwischen verschiedenen „Rassen“. Das fand sich auch in den Schulbuchdarstellungen zum Kolonialismus wieder. Rassistische Welterklärungen und Bezüge zur NS-Ideologie erhielten also noch größeres Gewicht.
Insgesamt erzählten die Schulbücher eine sehr einseitige Geschichte des Kolonialismus, in der die systematische Gewalt, Enteignung und Ungleichheit keine Rolle spielte. Die Sichtweisen der Kolonisierten tauchten nicht auf.