Eines der wichtigsten Medien im Unterricht war das Schulbuch. Wahrscheinlich kennt ihr das auch selbst: Lehrer:innen orientieren sich im Unterricht oft an den Themen und Aufgaben der Schulbücher. Das war früher nicht anders. Die Texte, Bilder und Aufgaben in Schulbüchern erzählen dabei immer eine bestimmte Geschichte.

Schulbücher

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Zwischen den 1880er Jahren und dem Ende der Weimarer Republik erzählten die Schulbücher in der Regel die folgende Geschichte: Sie behaupteten, die Aneignung der Kolonien sei notwendig gewesen, damit Deutschland zeigen konnte, dass es ein starkes Land sei. Außerdem hieß es, die Kolonien würden wichtige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe liefern, damit das Deutsche Reich wirtschaftlich erfolgreich sein konnte. Diese Darstellung nahm also nur die Perspektive weißer deutscher Menschen ein. Die koloniale Gewalt und Ausbeutung, die mit der Kolonialherrschaft einherging, wurde entweder gar nicht oder nur in einem Nebensatz erwähnt.

Suraj Mailitafi über Perspektiven in Schulbüchern und die Notwendigkeit der Überarbeitung
Ndey Bassine Jammeh-Siegel über Darstellungen in Schulbüchern

Ab dem frühen 20. Jahrhundert gab es erste Veränderungen: Schulbücher nutzten häufiger Berichte von kolonialen Eroberern. Damit erzählten sie die Kolonialgeschichte als eine vermeintliche Heldengeschichte. Außerdem betonten sie noch stärker als vorher, dass Europa angeblich den anderen Kontinenten überlegen sei und diese daher von Europa lernen müssten. Ein Großteil der Darstellungen in den Schulbüchern bezog sich auf die Rohstoffe, die aus den (ehemaligen) Kolonien kamen. Dabei vermittelten die Schulbücher ein festgelegtes Bild von der internationalen Arbeitsteilung: Sie stellten es so dar, als sei es selbstverständlich, dass die (ehemaligen) Kolonien in einer untergeordneten Position seien. Ihre Rolle sei darauf beschränkt, Rohstoffe zu liefern. Die Weiterverarbeitung dieser Produkte sollte in Europa stattfinden und vor allem den europäischen Staaten zugutekommen.

In der Zeit des Nationalsozialismus blieben viele Erzählungen über den Kolonialismus unverändert. Die koloniale Aneignung wurde weiterhin als eine Heldengeschichte weißer, männlicher Eroberer erzählt. Gleichzeitig gab es ein paar entscheidende Veränderungen. So wurde die koloniale Gewalt nun ganz deutlich erwähnt, aber als eine „heldenhafte Tat“ dargestellt. Die Schüler:innen wurden direkt angesprochen und aufgefordert, sich in die Rolle kolonialer Eroberer hineinzuversetzen. Die Darstellungen und Aufgaben enthielten beispielsweise positive Bezüge auf Karl Peters, der 1897 wegen seiner Gewalttaten in den Kolonien unehrenhaft entlassen worden war. Eine Aufgabe etwa rief die Schüler:innen dazu auf, den Charakter von Karl Peters zu beschreiben und zu erläutern, worin seine „Führernatur“ bestehe. Rassistische Einteilungen, die schon in den Jahrzehnten zuvor vermittelt worden waren, erhielten nun eine noch größere Bedeutung. Die nationalsozialistische Ideologie stellte die gesamte Weltgeschichte als einen Kampf zwischen verschiedenen „Rassen“. Das fand sich auch in den Schulbuchdarstellungen zum Kolonialismus wieder. Rassistische Welterklärungen und Bezüge zur NS-Ideologie erhielten also noch größeres Gewicht.

Prof. Dr. Louis Henri Seukwa über Leerstellen in Schulbüchern und die Abwesenheit von Schwarzen Vorbildern

Insgesamt erzählten die Schulbücher eine sehr einseitige Geschichte des Kolonialismus, in der die systematische Gewalt, Enteignung und Ungleichheit keine Rolle spielte. Die Sichtweisen der Kolonisierten tauchten nicht auf.

Impressum & Danksagungen

Diese Ausstellung ging aus dem Pro*Niedersachsen-Projekt „Weltwissen als Schulwissen. Geographische Wissensbestände des Kolonialismus in niedersächsischen Schulbibliotheken“ (2024-2025) hervor, welches gemeinsam von der Gottfried Leibniz Bibliothek Hannover (GWLB) und dem Arbeitsbereich Geschichte Afrikas am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover (LUH) durchgeführt wurde.

Antragstellung: Anne May (GWLB), Prof. Dr. Brigitte Reinwald (LUH), Dr. Florian Dirks (Kreisarchiv Verden), OStD Johannes Habekost (Gymnasium Ernestinum)

Projektleitung GWLB: Dr. Matthias Wehry, Dr. Christoph Valentin
Projektbeteiligte GWLB: Tillman Hennies
Projektleitung LUH: Dr. Jana Otto

Inhaltliche Gestaltung

Kuration der Ausstellung: Dr. Jana Otto (LUH)
Ausstellungstexte: Dr. Jana Otto (LUH)
Unterstützung des Lektorats: Jonas Döbler, Viola Michelle Stallzus (Studierende der LUH)
Expert:innen: Brenda Davina (wissenschaftliche Koordinatorin „Koloniales Erbe“ der Landes-hauptstadt Hannover), Ndey Bassine Jammeh-Siegel (Trainerin für Rassismuskritik und Empowerment und kinderliterarische Aktivistin, AfroKids Germany), Suraj Mailitafi (Content Creator und Multiplikator für anti-rassistische und politische Bildung), Prof. Dr. Louis Henri Seukwa (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)
Beteiligte Archive und Bibliotheken: Kreisarchiv Verden, Niedersächsisches Landesarchiv an den Standorten Aurich, Hannover, Osnabrück und Stade, Stadtarchiv Celle, Stadtbibliothek Hameln
Beteiligte Schulen: Domgymnasium Verden, Gymnasium Ernestinum Celle

Ergebnisse des Projektseminars „Weltwissen als Schulwissen. Kolonialismus im historischen Schulunterricht“ (WiSe 2024/25) gingen in die Ausstellung ein. An dem Seminar waren die folgenden Studierenden beteiligt: Michail Aleksandrov, Elske Sofie Düsenberg, Jule Eschenbach, Nico Frehse, Kristina Bärbel Korte, Christoph Mitulla, Lea-Marie Pagenkopf, Daniel Rott, Merlin Aimé Schulle, Robin Frederik Tammen, Michael Weihtag, Patricia Paloma Zeitz

Technische Umsetzung

Grafik, Gestaltung und Umsetzung: Thomas Konradi (Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds)

Videoproduktion: TIB ConRec, https://www.tib.eu/de/services/tib-conrec

  Aufnahme: Tobias Reimer, Sirish Uterhark

  Postproduktion: Jens Kösters

Finanzielle Förderung:

Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen, Förderlinie: Pro* Niedersachen: Kulturelles Erbe – Forschung und Vermittlung in ganz Niedersachsen, Förderzeitraum: 01.01.2024-30.11.2025.


Wir bedanken uns bei allen Beteiligten herzliche für ihren Beitrag zur Ausstellung.

Bei Anfragen, Wünschen und Beschwerden wenden Sie sich bitte an: handschriften@gwlb.de