Reifeprüfungen als historische Quellen
Als „Reifeprüfungen“ wurden früher Abituraufsätze bezeichnet. Die Aufgaben der Reifeprüfungen bezogen sich dabei zum Teil auf koloniale Themen. So wurden die Jugendlichen 1897 aufgefordert, die Frage zu beantworten: „Warum braucht Deutschland Kolonien?“ Diese Aufgabe wiederholte sich in den nächsten Jahrzehnten. Am häufigsten sollten die Schüler:innen zwischen 1907 und 1945 Fragen mit kolonialen Bezügen beantworten. An den Aufgabenstellungen lässt sich beobachten, wie sich die Lehrinhalte und Argumentationen im Laufe der Zeit veränderten. Nachdem Deutschland seine Kolonien abtreten musste, wurden die Schüler:innen beispielsweise häufig gefragt: „Warum muss Deutschland die Wiedergewinnung von Kolonien anstreben?“. In der Zeit des Nationalsozialismus sollten sie Aufsätze zum Thema „Unser Lebensrecht auf Kolonien“ formulieren.
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Auffällig ist, dass keine dieser Aufgaben offen formuliert war. Die Fragen zeigten bereits, zu welchem Urteil die Schüler:innen kommen sollten. Da es sich um Prüfungsarbeiten handelte, versuchten die Schüler:innen in aller Regel, ihre Antworten so zu formulieren, dass sie den Erwartungen der Lehrer:innen entsprachen. Es ist also nicht sicher, ob die Antworten wirklich die Sichtweisen der Kinder und Jugendlichen wiedergeben. Anders wäre dies, wenn in den Aufsätzen offene Kritik geäußert worden wäre. Das war aber nur selten der Fall. Bei der Recherche in mehreren niedersächsischen Archiven ist keine einzige Reifeprüfung aufgetaucht, in der die Aufgabenstellung kritisiert wurde.
Was lässt sich also aus den Reifprüfungen lernen? Zum einen zeigen die Aufgaben, was die Schüler:innen aus Sicht der Schulbehörden lernen sollten. Daraus lässt sich schließen, wie verbreitet bestimmte Themen oder Fragen in der jeweiligen Zeit waren. Zum anderen geben die Aufsätze zum Teil Hinweise auf die Sichtweisen der Lehrer:innen. Ihre Korrekturen zeigen, welche Argumentationen und Erzählweisen sie überzeugten, und welche nicht. Als ein Schüler im Jahr 1913 den Beginn der deutschen Kolonialpolitik mit dem Satz einleitete: „In den folgenden Jahren werden dann eine Anzahl von überseeischen Kolonien gegründet. Der geniale Bismarck regte diesen Gedanken zuerst an, fand aber bei den Abgeordneten anfangs wenig Anklang“, kommentierte der Lehrer: „Es gehört das ganz feuerlose Temperament [des betreffenden Schülers] dazu, um diese ganz neuartige, herrliche Zeit seit 1871 so matt, so klanglos einläuten zu können.“ Hier klingt die Kolonialbegeisterung des Lehrers deutlich durch und lässt darauf schließen, dass er ähnliche Aussagen auch von seinen Schüler:innen erwartete.
Noch im Jahr 1954 gab der Schüler einer niedersächsischen Realschule koloniale Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit unverändert wieder.
Quelle: NLA Stade Rep 162 Nr. 22, Reifeprüfung 1954.
Die gefundenen Reifeprüfungen zeigen außerdem, dass verharmlosende Erzählungen über den Kolonialismus noch Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft verbreitet waren. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1954 vertrat ein Schüler die Position, dass Eroberungen deutscher Kolonien „auf friedlichem Wege vorgenommen worden“ seien. In seinem Text stellte er die „großen Strapazen, Hunger, Krankheit und Entbehrungen“ der deutschen Kolonialist:innen in den Mittelpunkt, verschwieg aber die Gewalt, die von ihnen ausging. Damit übernahm er unverändert eine verbreitete koloniale Erzählung, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden war.
Habt ihr Ideen dazu, wie man herausfinden könnte, was die Schüler:innen dachten? Wie würdet ihr Euch auf die Suche nach einer Antwort machen? Welche Quellen könnten bei der Suche hilfreich sein?