Initiativen der Geografielehrer
Wer vermutet, dass Kolonialverbände oder politische Parteien den Kolonialismus in die Klassenzimmer brachten, liegt falsch. Die treibenden Kräfte waren zu Beginn Geografielehrer – damals tatsächlich nur Männer – , die dabei eigene Interessen verfolgten.
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Mitte des 19. Jahrhunderts war Geografie, heute meist Erdkunde gekannt, noch kein eigenständiges Schulfach. In den Lehrplänen kamen geografische Themen nur als Unterthemen des Geschichtsunterrichts vor. Geografielehrer versuchten schließlich, die Bedeutung ihres Faches zu erhöhen. Sie zielten darauf, Geografie als eigenes Fach fest in den Schulen zu etablieren. Kolonialismus diente ihnen dabei als Argument: Da das Deutsche Reich mit anderen europäischen Staaten um kolonialen Einfluss konkurrierte, argumentierten die Geografielehrer, dass geografisches Wissen über die Kolonien notwendig sei, damit Deutschland sich als Weltmacht behaupten könne. Zusätzlich betonten sie, dass Geografie besonders geeignet sei, um den Unterricht anschaulich zu gestalten. Damit bezogen sie sich auf neue Unterrichtsansätze, die damals im Trend lagen und unter dem Schlagwort „Reformpädagogik“ bekannt wurden. Die Idee dahinter war, dass der Unterricht mehr Neugier bei den Schüler:innen wecken sollte und Lehrer:innen daher mehr Bilder oder Geschichten nutzen sollten. So verbanden die Geografielehrer zwei Argumente miteinander: das Interesse an internationalem Einfluss und das Interesse an neuen Unterrichtsmethoden. Damit erreichten sie, dass das Fach Geografie in den 1880er und 1890er Jahren nach und nach in die Schullehrpläne aufgenommen wurde.
Wie der Schulunterricht im Kaiserreich insgesamt, war auch der Geografieunterricht darauf ausgerichtet, die Schüler:innen zu patriotischen und systemtreuen Bürger:innen zu erziehen. Das heißt, Kinder und Jugendliche sollten stolz auf das Deutsche Kaiserreich sein und das politische System nicht hinterfragen. Mit Blick auf die Kolonialherrschaft bedeutete das: Die Schüler:innen lernten, sich als Teil einer Kolonialmacht zu sehen – sie seien anderen Menschen überlegen und daher dazu berechtigt, diese zu beherrschen.
Rassistische Einteilungen von Menschen standen dabei von Anfang im Zentrum des Geografieunterrichts. Bilder sollten illustrieren, wie vermeintliche „Rassen“ aussähen und lebten. Vor allem aber wiesen die Unterrichtsmaterialien darauf hin, dass Menschen angeblich unterschiedlich weit „entwickelt“ seien. Die Menschen in den Kolonien, so behaupteten die Lehrmaterialien, seien Europäer:innen grundsätzlich unterlegen. Dieses Selbstverständnis prägte den gesamten Geografieunterricht. Die Schüler:innen lernten dabei in erster Linie, welche Möglichkeiten der wirtschaftlichen Ausbeutung die Kolonien boten. Der Blick lag also stets auf dem Nutzen, den das Deutsche Reich aus den Kolonien ziehen konnte.